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Sterntaler-Segeltörn auf der »Fortuna« vom 20. August bis 3. September 2011

Es war ein wolkenloser, leicht kühler Samstagmorgen, als am 20. August 2011 14 Jugendliche, allesamt Patienten der Kinderklinik, vor der Warenannahme unseres Krankenhauses allmählich eintrudelten. Da sind zum Beispiel die Jugendliche, die ihr zweites Leukämie-Rezidiv überwunden hat, das Mädchen, das lernen soll, ihren Diabetes selbstständig in den Griff zu bekommen oder der Junge, der mit seiner psychosomatischen Störung sich selbst herausfordern will.

Es war der Beginn einer 14-tägigen Reise auf dem 100 Jahre alten ehemaligen Lastensegler »Fortuna«. Er ist vor fast 30 Jahren für Fahrten auf der Ostsee mit Gruppen wie der unserigen umgebaut worden. Das Betreuerteam bestand aus Philipp Reusmann, einem langjährigen Fortunafahrer für den Sterntaler e.V., Andrea Drüke , Kinderkrankenschwester, Annette Willkomm, die ärztliche Betreuung, einer Kunsttherapeutin, sowie einer Praktikantin, alle vier zum ersten Mal auf diesem Schiff. Ich, Christoph Giesen, Krankenpfleger, gehörte zum dritten Mal zur Besatzung. Nun galt es, das Reisegepäck und den Proviant für die ganze Reise in den Anhänger des Reisebusses zu verladen sowie drei Kisten mit dem medizinischem Bedarf. Denn der durfte nicht fehlen, um für alle Notfälle vom Blauen Fleck bis zur Intervention eines Asthma- oder Krampfanfalles oder einer Infusion gut ausgestattet zu sein. Als alles sicher eingepackt war und die letzten Informationen ausgetauscht waren, ging die Gruppe der Jugendlichen mit Philipp, einem der 6 Betreuer, in den Musiktherapieraum. Dort spielte er am Klavier zur Einstimmung auf die Fahrt die Titelmusik des Filmes »Fluch der Karibik«: »He´s a Pirat«.

Im historischen Hafen der Hansestadt Rostock erwartete uns das Schiff mit Kapitän Carsten, Nicole als erste Steuerfrau, Maat Vadim sowie Moritz und Anna, die Matrosen des Seglers. Die Kojen wurden zugewiesen und das Gepäck verstaut. Nun gab es noch einen herzlichen Abschied von unserem Busfahrer Klaus, der über viele Jahre die Sterntalertruppe zur »Fortuna« hin und zurück gebracht hat. Dies war seine letzte Fahrt, denn er geht in seinen wohlverdienten Ruhestand. Hier noch einmal ein großen Dankeschön für die vielen sicheren Transporte unter seiner Führung und seine herzliche Art.

Sonntag 21.8., der erste ganze Tag auf der »Fortuna«, im Logbuch steht: »Erstes Aufwachen auf Fortuna: Kopf gestoßen! Obstsalat zum Frühstück, eine Überraschung für die Neulinge. Als wir alles über die Fortuna erfahren hatten, wurden wir von der Stammcrew an unsere Segel eingewiesen... . Wir segelten los, indem wir die Warne heraus kreuzten. Nach ca. 1,5 Stunden waren wir auf dem offenen Meer. Nach einer kleinen Runde auf der Ostsee liefen wir in den Hafen »Hohe Düne« ein. Einige von uns waren abends am Strand. ... Spätabends wurde im Lagerraum (aus den Fortuna-Liederbüchern) gesungen.«

Montag, 22.8.: »Mit einer halben Stunde Verspätung haben wir den Nobelyachthafen »Hohe Düne« bei Rostock verlassen. Aus dem anfänglich guten Wind wurde auf der Ostsee zunehmend heftiger Wind mit starkem Wellengang. Das führte dazu, dass innerhalb von einer Stunde mehr als die halbe Schiffsbesatzung seekrank wurde und der Vorrat von Bananen, Salzstangen und Ingwer deutlich sank. Der Verbrauch von »härteren Drogen« (Antibrechmittel) stieg enorm. Nach einer kollektiven Schlafpause von 2-3 Stunden auf dem Deck (an verschiedenen Orten) wurden alle wieder munterer und die See langsam ruhiger. Am späten Nachmittag wurde die See dann so ruhig, dass wir alle Segel eingeholt haben. Das Ziel Klintholm konnte weder unter Segel noch unter Motorfahrt erreicht werden, darum fuhren wir nach Hesnaes, einem kleinen »Stinke-Hafen«. Trotz der komischen Gerüche (Brackwasser, Anmerkung d. A.) konnten wir Schweinswale beobachten. Das Abendessen war ein voller Erfolg, so dass L. sich gleich die große Salatschüssel schnappte und diese komplett leerte. Der Abend endete mit dem Vorlesen des ersten Kapitels der »Odyssee«. Gepflegt gingen wir ins Bett.«

Rasmus, der Gott des Windes und des Wetters, hielt auf dieser Fahrt nichts von der menschlichen Wettervorhersage. Sollte der Wind aus Südwest kommen und uns vielleicht nach Kopenhagen bringen, kam er stur aus Nordost. Sollte es stürmisch werden, war die See ruhig. Aber unser erfahrener Kapitän Carsten fand immer einen Weg. So ging es dann doch wieder in Richtung Klintholm auf der Insel Mön.

Logbuch Mittwoch 24.8.: »Im Hafen Klintholm sind wir alle etwas früher aufgestanden, um in einen Supermarkt zu gehen und dort Eistee zu kaufen. Dann legten wir ab und segelten 3-4 Stunden, bis wir in einer Flaute nur noch hin und her schaukelten. Also beschlossen wir, zu schwimmen und haben die Gangway zum Sprungbrett umgebaut, so dass einige Vadim's »P-Bombe« üben konnten, was relativ schmerzhaft war. Nachdem die Crew schlechtes Wetter vermutete und es noch immer keinen Wind gab, motorten wir weiter zum Hafen Stubbeköbing. Auf der Fahrt zum Hafen arbeiteten wir weiter an unserem Kunstprojekt, indem wir unser Gesicht mit geschlossenen Augen malten, während wir es abtasteten. Dabei kamen extrem abstrakte Formen heraus, die allerdings nicht die geringste Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit hatten. Im Hafen Stubbeköbing lag ein gewaltiges Militärschiff. Abends erkundeten wir das stille Örtchen (natürlich meinen wir das Dorf!)«

Donnerstag 25.8.: »Den Tag verbrachten wir bis 18.00 h im Hafen von Stubbeköbing, weil der Wind nicht so wollte, wie wir. Dafür nutzten wir die Zeit, um das Kunstprojekt »Masken« weiter zu führen. Alle 2-3 Stunden trafen wir uns, um über die weitere Tagesgestaltung zu beraten. ... Um 16.00 Uhr gingen einige zum Fußballspielen. ... Während des Ablegens bereitete die Vorsegelgruppe das Abendessen vor. Es gab Gemüsesuppe mit Bockwürstchen und zum Nachtisch Milchreis mit Obst. Wir fuhren mit der Fortuna ca. 1 1/2 Std. zu einem Ankerplatz, dort verbrachten wir die ganze Nacht. Doch zuvor aßen wir das leckere Essen und begannen das Vampir-Spiel. ... Nachdem die Ankerwache verteilt war und wir den tollen, klaren Sternenhimmel bestaunt haben, gingen wir ins Bett.«

Auf der Fortuna werden verschiedene Aufgaben verteilt. Als erstes sind die drei Segelgruppen zu bestimmen. Die Betreuer, die zum Teil die Jugendlichen bereits von deren Krankenhausaufenthaltkennen, überlegen sich schon im Vorfeld, wer zu welcher Gruppe passen könnte. Verschiedene Gesichtspunkte kommen in Betracht. Am Großsegel werden Kräftige gebraucht. Am Vorsegel ist immer viel zu tun, es sind 4 Segel zu bedienen und dazu gibt es noch die Herausforderung, auch ins Klüvernetz klettern zu müssen. Am Besansegel dagegen geht es ruhiger zu. Je nach Belastbarkeit, medizinischer Historie, pädagogischem Anliegen und den Wünschen der Jugendlichen wird die endgültige Aufteilung am ersten Abend von den Betreuern und mit dem Rat des Kapitäns getroffen. Es wird aktiv gesegelt. Dazu gibt es noch drei Schiffsdienste, die abwechselnd alle Gruppen ausüben. Eine Aufgabe ist, das Frühstück, welches sehr üppig ist, und die Vespermahlzeit zu richten. Der nächste Dienst ist für die warme Mahlzeit am Abend zuständig. Der dritte ist die sogenannte »Klarschiff«-Gruppe. Diese sorgt für die Sauberkeit unter Deck. Dass heißt die Toiletten müssen gründlich geputzt werden, der Salon und der Laderaum werden ausgefegt und die Kombüse gewischt. Dazu schreibt die Klarschiff-Gruppe noch den Bericht des Vortages. Je nach Motivation und Gründlichkeit der Gruppe kann das in einer knappen Stunde erledigt sein, so dass man den restlichen Tag bis auf die Steuerwachen frei hat.
Sobald das Schiff abgelegt hat und auf Fahrt ist, finden die Steuerwachen über je 2 Stunden statt. An Back- und an Steuerbord sitzt mindestens eine oder ein Jugendlicher als Ausguck, der auf Schiffe und deren Fahrtrichtung, auf Bojen oder Sonstiges, das auf dem Wasser oder an den Küstenstreifen auffällig ist, achtet, und dem Steuermann berichtet. Wer möchte, darf unter der kundigen Aufsicht eines Crewmitgliedes auch das 190 Tonnen schwere Schiff steuern. Das ist schon etwas Besonderes und es ist bemerkenswert, welch ein Feingefühl nötig ist, die alte Dame »Fortuna« zu steuern.

Der Wind trieb uns weiter nach Norden. Die Durchfahrt am Samstag, dem 27.8. unter der Große-Belt-Brücke war schon was Besonderes. Aus dem Logbuch: »Früh morgens nach einem ausgiebigen Frühstück sind wir aus dem Hafen Kosör abgesegelt. Wir segelten mit allen Segeln und erreichten 7 Knoten Geschwindigkeit. Da wir mit dem Wind segelten, war die See für uns ruhig und wir konnten an unserem Kunstprojekt arbeiten. Hierbei bekamen unsere Masken Persönlichkeit. Da das Obst und Gemüse an Bord langsam anfing zu welken, mussten wir die brauchbaren Reste zum Kochen verwenden. Es gab im Gegensatz zum Besan-»Fastfood« einen äußerst gesunden, leckeren und anthroposophischen Auflauf und Bananen mit Schokolade gebacken zum Nachtisch. Rechtzeitig zum Abendessen kamen wir in Ballen auf Samsö an. Nach der üblichen Vorleserunde und einem unerlaubten nächtlichen Ausflug gab es Ärger, und alle wurden ins Bett geschickt.«

Hier war der nördlichste Punkt unserer Reise erreicht. Der Wettergott Rasmus legte sich und somit kam unsere Fahrt erst einmal zur Ruhe. Erst am Dienstag konnte es weiter gehen. Aber langweilig wurde es uns nicht. Aus dem Logbuch: »Der Tag (Sonntag) begrüßte uns mit Sonnenschein und vertrieb das Ärgernis vom Vorabend. Damit jeder genug Zeit für sich hatte und haben konnte, gab es bis zur Mittagvesper Freizeit. Danach wurden die Tonmasken mit Frischhaltefolie überzogen, um dann mit Modellierkleisterpappe beklebt zu werden. Nach 4 Stunden konzentrierter und intensiver Arbeit wurden alle fertig. Der Tag klang damit aus, dass jeder auf einen Zettel schrieb, warum er mitfährt und mit gemeinschaftlichem Singen.«

Montag 29.8.: »Heute hatten wir einen freien Morgen ... Währenddessen bereitete die Crew eine Schnitzeljagd vor. ... Die Jagd führte uns quer durch die Stadt Ballen und dann am Strand zurück. Auf halber Strecke fing es an zu regnen, das war das Ende der Jagd... Wie schön, dass die Crew mit einem leckeren Abendessen wartete.« Gesiegt hatte die Gruppe Großsegel, gefolgt vom Team Vorsegel (dessen Aufzeichnungen der Regen teilweise vernichtete, so dass diese nicht mit in die Bewertung einfließen konnten) und der Besan-mannschaft.

Der Wind kam wieder auf, aber aus der falschen Richtung, denn wir mussten wieder nach Süden. Mit 7 Wenden bei 4,4 bis 8 Knoten und einer Windstärke zwischen 5 bis 7 erreichten wir nach 6 Stunden Kerkeminde auf Fyn. Trotz einer stark schaukelnden »Fortuna« blieben diesmal alle seefest.

Der Mittwoch brachte trotz vorhergesagtem leichten bis kaum Wind gutes Segelwetter. Von anfänglicher Windstärke 2 frischte dieser auf 4 bis 6 auf. Stur kam er von dort, wo wir hin wollten, nämlich aus Südwest. Um 10.00 Uhr wurden alle Segel gesetzt. Der Kurs war zuerst SüdOst und es ging wieder unter der Große-Belt-Brücke hindurch. Nach 8 Stunden Fahrt mit 5 Wenden erreichten wir an der Nordspitze von Langeland eine Bucht zum Ankern.

Liegt das Schiff vor Anker, muss die ganze Nacht hindurch eine Ankerwache aufpassen, dass das Ankerlicht brennt, der Anker festsitzt, das Schiff nicht weg getrieben wird und ob diesige Sicht oder Nebel aufkommt. In jedem dieser Fälle muss einer von der Crew benachrichtigt werden. Zu je 2 Personen, die alle 2 Stunden abgelöst werden, wird im 15 Minuten-Takt alles überprüft. Auch diese Aufgabe übernehmen nach einer Einweisung die mitfahrenden Jugendlichen.

Auch für Andrea und mich wurde es eine Nachtwache, da ein an Diabetes erkranktes Mädchen in eine schwere Ketoazidose rutschte und mit 2 stündlichen Insulingaben und Infusionstherapie (in ihrer Hängematte) der Blutzuckerspiegel wieder eingestellt werden musste, was auch gut gelang. Bis auf ein immer wieder schmerzendes Kniegelenk, das beim Betroffenen die Tatfreude leider ziemlich einschränkte, hatten wir auf dieser Fahrt keine weiteren großen medizinischen Probleme.

Am letzten Segeltag gab es noch ein gestelltes Mann-über-Bord-Manöver in Form einer ins Wasser geworfenen Boje. Im vierten Versuch mit einer Q-Wende mit Aufschießer konnte sie geborgen werden. In den verstreichenden 50 Minuten vom Einwerfen bis zur Bergung der Boje waren alle Jugendlichen ganz konzentriert bei der Sache und auch die letzte Wende wurde gut gemacht. Am späten Nachmittag ging es in den Hafen von Masholm in der Schleimündung. Nun hieß es für alle »Klarschiff machen«. Die Segel wurden ganz ordentlich eingepackt. Aus den Proviantresten kochte die Großsegelgruppe ein feudales Abendessen für das »Käptensdinner« im Laderaum. Am Abend noch mal ein letztes Lesen aus der »Odyssee« und Liedersingen aus dem Fortuna-Liederbuch, das in den vielen Jahren der Sterntaler-Fahrten entstanden ist.

Der Samstag war gekommen, der letzte Tag, und es hieß für alle putzen, putzen und putzen bis in die kleinste Ecke. Da alle kräftig zupackten, war das Schiff um 11.30 Uhr blitzeblank, die Koffer im Bus und der große Abschied konnte beginnen. Kurz nach 12.00 Uhr »legte« der Bus ab in Richtung Herdecke. Ja, und wäre an diesem Wochenende nicht die Fahrbahn vor dem Elbtunnel von drei auf eine Spur reduziert worden, wären wir pünktlich um 20.00 Uhr statt um 22.30 Uhr in Herdecke angekommen.

Eine großartige Fahrt ging zu Ende, die ohne den Sterntaler e.V. nicht zustande gekommen wäre. Vielen Dank!

Christoph Giesen

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