»Pfingstbegeisterung auf See«
Der diesjährige Segeltörn fand just zu Pfingsten statt und startete vielversprechend bei gutem Wetter. Meine Anreise gestaltete sich schon sehr erholsam, denn ich brauchte nicht zu fahren, sondern wurde nach Hamburg gebracht und dort von K. abgeholt, was fast auf die Minute pünktlich klappte. Der erwartete Großreiseverkehr blieb aus, so daß wir geruhsam und ohne Stress in Kappeln noch deutlich vor dem abgemachten Zeitpunkt ankamen.
Die übrigen Teilnehmer trudelten nach und nach ein, so daß Zeit war, sich freundlich zu begrüßen und das zu tun, was alle trockenen Alkoholiker meist mit Vorliebe tun: Kaffeeplanschen und Tratschen.
Unser Schiff, die FORTUNA, ist eine betagte Dame von 100 Jahren, die ihren Lebenslauf als Plattbodenschiff und Lastensegler im friesischen Wattenmeer begonnen hatte und dabei einer einzelnen Familie geholfen hat, den Lebensunterhalt zu verdienen. Sie ist, wie bei Frauen nicht unüblich, durch viele liebevolle Hände gegangen und hat durch einen zweiten Mast noch an Schönheit gewonnen, bleibt aber, wie der Kapitän wohlwollend-spöttisch anmerkte, »ein großer untermotorisierter Schuh«, der mit den Elementen zu kämpfen hat.
Alle Augen richteten sich seewärts, um die Dame zu erspähen. Eine Brücke, welche die Schlei in Kappeln überspannt, verdeckt ein wenig die Sicht, aber die hohen Masten des ca. 40 m langen Segelschiffs hätten eigentlich sichtbar werden müssen. Als die Mitte der Brücke, die stündlich hochgeklappt wird, um den Schiffen auf der Schlei Durchfahrt zu gewähren, geöffnet wurde, war immer noch nix zu sehen. Nach ca. 1 Stunde dasselbe Schauspiel: Die Augen links! Nix bringts. Welcher Geist mochte da am Werke sein? Information gleich null. Dann der erlösende Anruf. Der eiserne Schuh kämpfte sich mit Motorkraft gegen Wind und Strömung von der anderen Seite heran. Die alte Dame hatte in Schleswig noch etwas zu erledigen gehabt. Auch Schiffe können vergeßlich werden... Nun blickten wir alle flußaufwärts und konnten nach einer halben Stunde die noch dünnen Mastspitzen der FORTUNA hinter einer Flußbiegung erkennen.
Das Schiff kam von Minute zu Minute näher und präsentierte sich nach einer halben Stunde in seiner ganzen Schönheit. Von ihrer guten Figur hatte die alte Dame nichts eingebüßt und zeigte dem Landungssteg mit einem kleinen Rempler, wie fit sie noch in den Rundungen ihrer Hüften ist. Unser Gepäck, das wir am erhöhten Ufer bereits gelagert hatten, mußte noch den 200 m langen Weg, der über einen schmalen Bootssteg führte, gebracht werden. Wer half uns dabei? Ein unscheinbarer dreirädriger Karren, der im Museumshafen bereitsteht und von jedem benutzt werden kann, aber von niemandem gepflegt geschweige denn gewürdigt wird. Das soll hier geschehen. Ohne dieses äußerst schlichte und nützliche Gefährt müßte jeder sein Gepäck selber schleppen. Ein elendes Gewürge und Geremple wären die Folge. Die Erfindung des Rades stammt vermutlich von einer Frau, die es leid war, immer die schweren Mammutkoteletts in die Höhle ihrer gefräßigen Sippe zu schleppen. Wir kennen sie nicht, weil sie wohl keine Juristin war und vom Patentrecht völlig unbeleckt. Es war ein Geschenk an die Menschheit. Heutzutage würde sich jeder selbst an drittklassigen Neuerungen eine goldene Nase verdienen wollen. Aber das nur nebenbei.
Ungewöhnlich schnell waren unsere Habseligkeiten auf wundersame Weise an Bord gebracht und dann von jedem in der Nähe seines ergeierten Schlafplatzes deponiert worden. Sogar die Unterbringung der Verpflegung, sonst immer ein beliebtes Puzzlespiel, klappte auf Anhieb. Jeder begrüßte die Besatzung, die aus Skipper, einer Steuerfrau, einem Zivi und einem ehemaligen Crewmitglied, das sich in Sachen Navigation und Schiffssteuerung fortbilden wollte, bestand. Der hatte sich in einer Einzelkabine einquartiert, die nach einhelligem Votum mir, dem Schiffsschreiber, beim Vorbereitungstreffen zugedacht worden war. Was tun? Nix. Wir sind auf die Besatzung angewiesen, mit der wir gute Erfahrungen gemacht haben. Dann gilt die 3M-Regel: Maul halten und mitmachen.
Nach der Kennenlernrunde unter Deck, bei der jedermanns Namensgedächtnis gefordert wurde, legten wir umstandslos ab, um auf der Schlei mit Motorkraft nach Maasholm zu fahren, weil dort das Fahrwasser recht eng ist. Bei leicht bewölktem Himmel, angenehmer Außentemperatur und mäßigem Wind wurde die obligatorische Sicherheits- und Segeleinweisung gemacht. Schon oft gehört, aber immer wieder neu, weil vieles, aber nicht alles, in Vergessenheit geraten ist.
Maasholm ist ein kleiner Ort oder vielmehr eine ziemlich große Bootsanlegestelle hinter einer ausgedehnten Landzunge an der Schleimündung. Hinter der langgestreckten Mole befinden sich in windgeschützter Lage große Planschbecken, in denen krisengeschüttelte Mitbürger ihre Schätzchen geparkt haben. Ein Mastenwald bis an den Horizont und unter jedem Mast Schwimmbares ab 30.000€ aufwärts. Dennoch war für uns eine Lichtung frei, wo wir recht bequem anlegen und festmachen konnten. Das Örtchen wirkt sehr sauber und gepflegt, was auch für die sanitären Anlagen gilt. Das muß später noch besonders erwähnt werden, denn es hat etwas mit Müssen zu tun.
Die Einteilung in die 3 Arbeitsgruppen, die sich im Wechsel auch um das Essen sowie um Aufräumarbeiten kümmern müssen, wird nach den Segelaufgaben vorgenommen. Eine Gruppe kümmert sich um die Focksegel, die etwas leichter zu setzen sind, dafür aber häufiger benutzt werden, die zweite Gruppe macht sich um den Hauptmast und sein Segel verdient, der Rest darf am zweiten, etwas kleineren Besanmast vom Dach der Kajüte aus wirken.
Ich war beim Besanmast gelandet, was am ersten Abend die Zubereitung und Ausgabe des Abendbrotes bedeutete einschließlich des folgenden Abwasches. Das Essen war schon zu Hause vorbereitet worden und hatte für die Besatzung, die zur Vegetarierfraktion gehört, einen fleischlosen Anteil. Beim anschließenden Geschmause von Kartoffelsalat und Frikadellen konnten wir anerkennende Blicke erhaschen, die zeigten, daß auch die beigefügten Tofubällchen geschmacklich gut waren.
Die Abendsonne schien durch die geöffnete Ladeluke in den ehemaligen Laderaum, der nun mit seinem mächtigen ovalen Tisch als Speisesaal und Versammlungsraum diente. Ein friedliches und gefräßiges Beisammensein, das den ersten Tag, der mit Anreise und Einschiffung begonnen und bei keinem Pannen, Macken, Beulen oder sonstige Unannehmlichkeiten hinterlassen hatte, rundete den Tag so richtig goldig ab und hinterließ bei mir ein Gefühl der Dankbarkeit. Wenn da nicht noch der ungeliebte Abwasch wäre.
Abwasch ist für viele die größte Plage. Merkwürdigerweise kann ich dieser öden Tätigkeit durchaus etwas Positives abgewinnen.
Diese Arbeit ist nicht sehr anstrengend, fördert ein wenig das Organisationsvermögen (wo ist noch schmutziges Geschirr und was ist schon fertig?) und übt die Fingerfertigkeit. Vor allem: Hinterher sieht fast alles besser aus als vorher. Ein garantiertes Erfolgserlebnis. Außerdem werden die Hände prima sauber. Das reicht für eine Woche. Wegen der Eintönigkeit sind Gespräche unter den Beteiligten erwünscht, geradezu notwendig und anregend. Der gemäßigte Stumpfsinn, der an sich die Voraussetzung für einen gelungenen Abwasch ist, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Basis für kommunikative Höhenflüge jeglicher Art. Die Gedanken können sich zwanglos entfalten und nähern sich den Orten, wo der gute Geist wohnt. Wenn schließlich alles sauber und eingeräumt ist, erreicht die Zufriedenheit einen Höhepunkt, auf dem niemand mehr versteht, warum Tellerwäscher in Amerika unbedingt Millionäre werden wollen.
Die gesamte Prozedur fand übrigens an Deck statt. Eine Empfehlung des Kapitäns, die nur widerwillig angenommen wurde. Hat es noch nie gegeben. War immer in der Kombüse. Da könnte ja jeder kommen. Es erwies sich als erfrischend, diese Freiluftaktion zu probieren und dem ewigen Dampf und Mief der Kombüse zu entkommen. Immerhin konnte ich an Deck ein wenig aus den Augenwinkeln vom Sonnenuntergang erhaschen, der mit vielen Ahs und Ohs und »äh, guck mal« begleitet wurde.
Nach Hellsinki erfaßte mich ein Drang zum Entsorgungszentrum. Gekreuzte Schrubber an der Tür machten mir deutlich, daß hier gerade die Pflegezeit angebrochen war. Gründliche Reinigung war angesagt — ein Abwasch der anderen Art. »Wir sind gleich fertig« klang wie Musik in meinen Ohren. Mit X-Beinen, verkrampfter Beckenbodenmuskulatur und leicht gebückt verharrte ich in Schreckstarre. Der Fluch blieb im Halse stecken. Er hätte eine mittlere Katastrophe auslösen können. Alles in allem waren es wohl die längsten 5 Minuten der letzten 10 Jahre, gefühlt wie eine Ewigkeit.
Die erste Nacht an Bord habe ich auf die angenehmste Weise verbracht und bin trotz der engen Kojen und der schnarchenden Begleitmusik auch ohne Ohrenstöpsel in erquickenden Schlaf gefallen.
Am anderen Morgen ging es nach fabelhaftem Frühstück hinaus auf die See. Dort wurden die Segel gesetzt, wobei ich mich nach Kräften beteiligte. Nach etwa einer halben Stunde war die Aktion ohne besondere Vorkommnisse beendet. Die letzten Meter sind beim Hochziehen immer recht anstrengend, doch weil jeder mithalf so gut er konnte, hat alles bestens geklappt. Meine Erinnerungen an den deprimierenden Kräfteschwund beim letzten Segeltörn begannen zu verblassen.
Bei heiterem Himmel und mäßigem Wind ging es Richtung Sønderburg. Nach der sportlichen Anstrengung kam nun der Wellnessteil der Reise. Maritimes Entspannungstraining an Deck — liegend, versteht sich. Das Schiff wiegt sich sanft in den Wellen, der Wind bläht leicht die Segel und eine herrliche Ruhe empfängt mich. Kein Autolärm, kein Hundegebell, keine plärrenden Kinder und vor allem keine nervtötenden Nachbarn, die ihre knatternden Gartengeräte aus dem Baumarkt (günstig!) ausprobieren. Es gibt einfach nichts, was mich an zuhause erinnert.
Dies gerät von Stunde zu Stunde samt allen Sorgen in Vergessenheit. Es ist so, als gäbe es nur Sonne, Meer und Wellen. Jede hat ihr eigenes Gesicht, entsteht aus dem Ozean, wächst an, erreicht ihren Höhepunkt (manchmal mit Krönchen), fällt in sich zusammen und verschwindet dort, wo sie hergekommen ist, fast wie im richtigen Leben. Ein ewiges Kommen und Gehen und doch bleibt das Ganze erhalten.
Wer tagsüber lange genug aufs Meer schaut, kann bestimmt so viele Wellen wahrnehmen wie die Menschheit Köpfe hat.
Am frühen Nachmittag hatten wir Sønderburg erreicht und mußten die Segel einholen, um die dortige Klappbrücke passieren zu können. Durch den sich anschließenden Sund, eine kanalartige Wasserstraße, ging es wegen der Enge und des regen Verkehrs mit Motorkraft weiter. An Entspannung war nicht mehr zu denken, denn die Maschine entfaltete einigen Lärm und ließ so einiges vibrieren.
Nach etwa 2 Stunden kamen wir wieder in freies Fahrwasser, setzten erneut die Segel und wollten uns nach einem Plätzchen für die Nacht umsehen. Hafen oder Ankerplatz, das war hier die Frage. Irgendwie hatte ich den Eindruck, die Mehrheit wurde überrumpelt, denn wir liefen in einen Fjord bei Dyvieg. Das war ein ganz bezauberndes Plätzchen von den Ausmaßen eines großen Sees, der von hübsch bewachsenen Ufern umsäumt war.
Um dort hinzugelangen mußte erst eine ziemlich schmale Einfahrt bewältigt werden. Sie war durch zwei etwa 15 m auseinander stehende Baken gekennzeichnet. Was tun? Zwei Menschlein wurden am Bug postiert und mußten mit dem Arm auf die Pfähle zeigen, damit der Steuermann, dem am Heck des Schiffes bei Annäherung an den Durchschlupf der Blick versperrt war, eine Orientierungshilfe hatte und besser ahnen konnte, ob das Schiff durchkommen würde. Spitze Schreie der Peilhilfen blieben aus; verhaltener Jubel begleitete das gelungene Manöver. Bald war die Mitte des Fjordes erreicht. Jetzt konnte der Anker in die schlammige Tiefe rasseln, wo er sich auch nach einiger Zeit irgendwie festkrallte. Und wer macht nun Ankerwache? Die ist Pflicht, um ein unabsichtliches Abtreiben des Bootes zu verhindern. Es finden sich genügend Freiwillige, selbst für die unangenehme Zeit zwischen 2 und 4, wo es stockdunkel ist und noch nicht hell werden will.
Die verbliebene Zeit bis zum Einbruch der Dämmerung wurde genutzt, um das Beiboot zu Wasser zu bringen. Dies gehört zu den Vergnügungen, denen ich nicht allzu viel abgewinnen kann. Eine Erkundungsgruppe erreichte das gegenüberliegende Ufer, die zweite, die sich anschließend auf den Weg machte, kam angeblich wegen zu starken Verkehrs lediglich zu einem Rundkurs ums Mutterschiff. Wie sagte schon Konfuzius? »Nur der Weise fährt im Kreise.« Da ich zur ersten Ankerwache gehörte, konnte ich mich um Mitternacht zufrieden in meine Schlafkoje zurückziehen und die Eindrücke des Tages nachwirken lassen.
Am Pfingstmorgen zeigte sich der Himmel von seiner festlichen Seite. Auch ohne Worte war das eine ermutigende Predigt von oben, die mich in dem Gefühl bestärkte, man könne sich auch wortlos verständigen und verstehen. Mimik, Gesten und vor allem freundliche Blicke können durchaus, und zwar ohne Dröhnung jedweder Art, einem andachtsvollen Schweigen etwas Feierliches verleihen. Die Wasseroberfläche der Bucht war spiegelglatt und glänzte eindrucksvoll als wolle sie berührt werden.
Vor das Verlassen des Ankerplatzes haben die Götter den Schweiß gesetzt. Jemand muß in den Kettenkasten, ein dunkles Verlies unter dem Bugdeck. Keiner drängelt sich, alle Augen schweifen in die Ferne und suchen dort die Lösung. Nur K. nicht. Eine Frau rettet unsere Ehre, zieht sich den Schutzanzug an und verschwindet im Schiffsinneren. Der Rest ist endlich wach geworden und kurbelt, sich gegenseitig abwechselnd, an der Ankerwinde. Echte Handarbeit. Nach 20 Minuten und reichlich Schweiß hängt der schwere Kerl in seiner Klüse.
Nun geht es motorisiert und mit Schleichfahrt auf die schon erwähnte Engstelle zu. Nachdem die Durchfahrt geglückt ist, werden alsbald wieder Segel gesetzt und es ist zu spüren, daß Übung den Meister macht. Den Rest erledigt der Wind, der nicht nur Meister sondern auch Bruder des Pfingstgeistes zu sein scheint. Man sieht ihn nicht, kann ihn nicht anfassen oder anhalten, aber es ist ganz deutlich zu spüren, ob er da ist oder fehlt. Das hat er mit anderen Geistern, die uns ziemlich geläufig über die Lippen kamen, wie z.B. Teamgeist, Sportsgeist oder Geist der Brüderlichkeit etc. gemeinsam.
An Deck lässt sich wieder prima entspannen, klönen und sogar bei Klampfenbegleitung das eine oder andere Lied aus der Wehmuts- und Wanderkiste mitsingen. Die Zeit scheint stillzustehen, nicht nur für diejenigen, die für die warme Mahlzeit zum Abendbrot sorgen müssen.
Am späten Nachmittag kommt der Hafen von Aarøsund in Sicht. Er wirkt besonders einladend, weil seine gesamte Kaimauer mit Autoreifen gepolstert ist. Das lästige Fenderhalten entfällt also, und wir lassen uns von dem kleinen Ort umarmen. Mir ist dieser liebenswerte Ort völlig neu. Sogleich wird das Schiff von Schaulustigen umringt, denn FORTUNA ist einfach eine Augenweide, an der sich jeder ruhig sattsehen soll. Bei einem kurzen Landgang ergeben sich für mich weitere Gespräche und die Gelegenheit, einem Mitsegler näher zu kommen als bis dahin möglich. Das erbauliche Beisammensein wird von einem prächtigen Sonnenuntergang begleitet.
In der Nacht holte mich ein Alptraum ein: Rückfall!! Wie solches? Hatten sich Gesprächsfetzen im Gehirn selbständig gemacht oder war es der geheime Wunsch, die schönen Eindrücke künstlich zu verlängern? Etwa nach dem Motto: »Oh Augenblick verweile doch, du bist so schön«. Ich weiß es nicht, bin mir aber sicher, daß der einzige Augenblick, der ewig dauert, ganz einfach Tod genannt wird.
Der nächste Morgen sah uns schon zeitig bei einem schmackhaften Frühstück, denn wir wollten an diesem vorletzten Tag der Reise möglichst wieder Maasholm erreichen. Der Wind stand günstig, und das Wetter zeigte sich immer noch von seiner besten Seite.
Nach ca. 3 Stunden Segelei kam der Kapitän auf die Idee, eine »Bespaßungsaktion« anzuregen. Eine Strickleiter wurde außenbords angelegt. Wer wollte, konnte in der Ostsee baden. Einige Wagemutige fanden sich bei Schnullertemperaturen bereit, ins kalte Naß zu steigen. Einer hechtete sogar elegant von Deck mit einem Kopfsprung über die Reling und würdigte die Einstiegshilfe für Senioren mit keinem Blick. Zum Schluß wurde noch eine Art Leibgeschirr ausgeteilt, das an einem Tau befestigt war und mit dessen Hilfe man sich vom Schiff durchs Wasser ziehen lassen konnte.
Bei diesem Badevergnügen hielt ich mich vornehm zurück, konnte mich aber an den tropfnassen Nackedeis so recht erfreuen. Mit ihrer Gänsehaut und dem erfrischenden Lächeln im Gesicht strahlten sie die reine Freude aus, was nicht ohne milde Erotik war.
Ohne Streß erreichten wir bei einschlafendem Wind gegen Abend die Schleimündung, um uns im Mastenwald von Maasholm auf die Nacht vorzubereiten. Am nächsten Vormittag war das verhaßte Aufräumen angesagt. Mit entschlossenem Widerwillen machten sich alle an die ungeliebte Arbeit. Saugen, Schrubben, Putzen, Bettenmachen usw. Wieder geschah ein kleines Wunder: Nach 3 Stunden sah das Schiff unter Deck so aus, wie wir es vorgefunden hatten.
Gegen Mittag wurde der Motor angeworfen und durchs Schleiwasser Kurs auf Kappeln genommen. Vor dem endgültigen Anlegen im Museumshafen galt es noch, sich des Abwassers zu entledigen, und zwar ordnungsgemäß. Eine elektrische Pumpe, die im letzten Herbst noch fehlte, enthob uns jeglicher Handarbeit. Ein technischer Fortschritt, der uneingeschränkt Beifall fand.
Daß wir uns in Kappeln herzlich von der Besatzung und auch von einander verabschiedeten, muß eigentlich nicht mehr erwähnt werden. Alle waren des Lobes voll über diesen Segeltörn. Es sollte eigentlich mein letzter sein, aber das angenehme Gefühl, sich fern vom Alltag in Anwesenheit lieber Menschen geborgen zu fühlen und auch noch nach Herzenslust entspannen zu können, macht mir Mut, es auch 2010 wieder zu versuchen. Mein Dank gilt allen, die mir ein solches Pfingsterlebnis ermöglicht haben, vor allem Michael, dem souveränen Organisator, den ich namentlich und stellvertretend für alle nennen möchte. Ich habe erfahren, daß es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die man nicht kaufen kann. Es sind die wichtigsten im Leben. Amen und ahoi.
E. Wolf
