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Eine Fahrt auf der »Fortuna«
Fünfzehn Mädchen und Jungen auf einem Segelschiff: Da gibt es nicht nur viel zu erleben, sondern auch eine Menge zu lernen — und zu akzeptieren. Bei diesem Törn lernten behinderte und nichtbehinderte Kinder, einander besser zu verstehen.
von SANNA KOCH
aus: Hamburger Abendblatt, Journal Freizeit, Wochenendausgabe 18/19 Januar 1998
Das Großsegel hat sich losgerissen. Von stürmischen Böen gepeitscht, knattert das riesige Tuch ohrenbetäubend im Wind. Fünf bis sechs Windstärken schieben die Fortuna gen Norden. Wellen lecken über das geneigte Deck, ein Seil zuckt durch die Luft. »Die Segel dichtholen!«, schreit Skipper Christopher. Schon hängen fünf Kinder wie Trauben an den Tauen und ziehen, was das Zeug hält. Zwei Minuten hektische Aktivität, dann blähen sich die Segel wieder ordnungsgemäß im Wind.
Ein 30 Meter langes Segelschiff, das von 15 Jugendlichen manövriert werden soll — geht das überhaupt? Die Frage hat sich nach dieser Szene schon am ersten Reisetag erledigt. Die Aufgaben, die ihnen der Skipper erst vor wenigen Stunden zugewiesen hatte, haben die Hänflinge fast wie Profis gemeistert. Und das, obwohl es hier an Bord nur so wimmelt von Tauen, Haken, Ösen, Seilzügen und Knoten, die gelernt, begriffen beherrscht, im richtigen Augenblick gezogen, belegt oder geknüpft werden wollen.
Nach dem geschäftigen Wendemanöver kehrt erst mal Ruhe an Deck der »Fortuna« ein. Jeder sucht sich einen Lieblingsplatz. Manche im Klüvernetz, andere in ihren Kojen oder an Deck. Die Mitreisenden werden vorsichtig beäugt, oder demonstrativ ignoriert.
Der lange Knut hat seinen Stammplatz auf dem Oberdeck geortet. Hierhin kehrt er nach getaner Arbeit zufrieden zurück, läßt sich auf den Rücken plumpsen und schließt die Augen. Dösen scheint der Lieblingszeitverteib des schlaksigen 16jährigen zu sein. Nur sporadisch nimmt er am ersten Reisetag Kontakt auf. Leicht hat er es nicht: Sein Wortschatz ist klein, und den nuschelt er so undeutlich, daß ein Gespräch fast unmöglich scheint. Sein Namensvetter hingegen scheint überall zugleich zu sein: Allerorten zappelt Klein-Knut herum. Zu allem und jedem gibt er ungefragt seinen Senf — besser weiß er sowieso alles. Nur in der Schule hapert es gewaltig. Lesen, schreiben, rechnen? Ganz schön schwierig!
Zwei Wochen Segeltörn auf der Ostsee stehen bevor. Jedes Jahr sticht der alte holländische Frachtsegler »Fortuna« von Mai bis September mit Kindern und Jugendlichen vom schleswig-holsteinischen Kappeln, von Kiel, Rostock oder Stralsund aus in See.
Bei therapeutischen, integrativen Segelreisen verbringen geistig oder seelisch behinderte und gesunde Kinder und Jugendliche ein bis zwei Wochen zusammen — und lernen, vorurteilsfrei miteinander umzugehen. 15 Mädchen und Jungen zwischen 12 und 17 Jahren sind bei diesem Törn an Bord, mit ihnen reisen die vier Besatzungsmitglieder und drei Betreuer des Haus Mignon.
Auf dieser Reise ist die Gruppe bunt gemischt. Da ist zum Beispiel Peter, mit 17 Jahren der Älteste, wortkarg und kontaktarm, der stundenlang geduldig Wache an der Besanschot hält; der altkluge, introvertierte Stefan; die launische Maria, die unter Epilepsie leidet; Rita, immer und allzu hilfsbereit; und Benno, der mit den einfachsten Dingen überfordert ist, sich aber stundenlang ins Knüpfen von Seemannsknoten versenken kann.
Bis auf vier sind alle in dieser Gruppe auf irgendeine Art beeinträchtigt: autistisch gestört, lernbehindert, hyperaktiv, verhaltensauffällig. In den nächsten vierzehn Tagen soll diese heterogene Gruppe an Bord zusammenwachsen. Die Kinder wollen sich von den Stärken der anderen etwas abgucken und ihre eigenen Schwächen akzeptieren lernen. Ein Prozeß, der bewußt ohne große therapeutische Interventionen abläuft — »das meiste kommt von den Kindern selber«, sagt Betreuer Edo Specht.
Der erste Morgen beginnt mit einem Malheur. Einer der Jungen hat nachts ins Bett gemacht, die anderen Burschen aus der Gemenischaftskabine sind empört: »Das stinkt!« »Ist ja ekelhaft« »Kann der das nicht wegmachen?« Das Gezeter ist groß. Immer vorneweg der kleine Knut mit dem großen Mundwerk. Aber dann, in einem ruhigen Moment, sagt er unvermutet: »So was kann doch mal passieren. Im vergangenen Jahr hätte ich mich noch furchtbar darüber aufgeregt«.
Zwei Stunden später ruft Skipper Christopher zur Lehrstunde. Knoten knüpfen, Segel setzen, Taue aufschießen wird geübt. Manche große Klappe wird leise, und einige stille Wasser zeigen Tiefgang. Hier sind weder Redegewandtheit noch gute Zeugnisse gefragt, sondern Beobachtungsgabe und etwas Geschick. Und die Bereitschaft, einander zu helfen statt zu spotten.
Segelreisen haben sich in den letzten Jahren fest in der therapeutischen und pädagogischen Angebotspalette etabliert: Ob schwererziehbare Kinder (z.B. Crash-Kids) oder straffällige Jugendliche, psychisch Kranke, geistig oder körperlich Behinderte, oder integrative Kindergruppen, für fast jede Zielgruppe werden mittlerweile Segeltörns angeboten. Aber was passiert dabei eigentlich? Und warum muß es gerade Segeln sein?
Erklären läßt sich Letzteres nicht so einfach, beobachten Ersteres hingegen gut: wie Vorurteile fallen und Herzen sich öffnen und nach und nach ein Miteinander möglich wird, wie es an Land nur selten entsteht. Es mag die unmittelbare Konfrontation mit Wind und Wellen sein, das stürmische Schaukeln, das sanfte Wiegen des Meeres, das Spüren der elementaren Kräfte der Natur. Die Weite des Horizonts oder der Blick in den Sternenhimmel kann selbst einen Zappelphilipp zur meditativen Ruhe verführen. Nautische Gesetze und Windstärken lassen weder Zeit für lange Palaver noch für Vorbehalte.
Wichtig ist auch die Erfahrung, daß ein Segelschiff nur ans Ziel gelangt, wenn alle wortwörtlich an einem Strick ziehen. Immerhin ist so ein Schiff ein begrenzter Raum — einfach abhauen, wenn’s einem stinkt, das geht nicht. Und eng ist es in den Kabinen, im Gemeinschaftsraum, in der Kombüse. Dann die Arbeitsdienste, jeder ist mal dran: für alle kochen, Tisch decken, spülen, Klos saubermachen. Das nervt zwar manchen, aber dabei entstehen unter Deck stille Momente und Gespräche, die sonst nicht zustande kämen.
Wenn die »Fortuna« nicht im Hafen festmacht, sondern auf See vor Anker geht, heißt es für alle Kids: zu zweit im Zwei-Stunden- Wechsel Ankerwache schieben. In der Schwärze der Nacht allein aufpassen, daß das Schiff nicht abtreibt — eine Verantwortung, die alle selbstverständlich und stolz übernehmen.
Martin und Sven, mit zwölf Jahren die jüngsten, sind anfangs noch sichtlich bemüht, sich als »nicht-behindert« vom Rest abzugrenzen. Besonders Sven hat es Klein-Knut angetan, er nutzt jede Gelegenheit, zum Wortgefecht. Völlig desinteressiert an Kontaktaufnahme scheint hingegen Maria -und außerdem fest entschlossen, diesen Urlaub furchtbar zu finden. Die Mütze tief in die Stirn, den Mantelkragen hochgeklappt, verbarrikadiert sie sich am ersten Tag hinter ihrem Buch.
Rita und ihre behinderte Schwester Bettina versuchen Abstand zu halten; sie haben abgemacht, nicht zuviel zusammen zu hängen. »Rita soll sich nicht die ganze Zeit um mich kümmern müssen«, erklärt Bettina jedem. Eine Aufgabe, die sie mit Charme an die Betreuer weiterreicht. Wen Bettina als Gesprächspartner auserkoren hat, den läßt sie so schnell nicht los. Auch das Steuerrad nicht, das Skipper Christopher ihr vertrauensvoll überläßt.
Am zweiten Tag herrscht Flaute. Die »Fortuna« dümpelt träge vor sich hin. Härtetest: Heute nehmen weder Wind noch Wellen den Gästen die Aufgabe ab, etwas miteinander anzufangen. Plötzlich knufft sich der tapsige Paul freundschaftlich mit dem langen Knut, der zwar nicht deutlicher, aber zunehmend häufiger spricht -und verstanden wird.
Die Streithähne Knut und Sven halten es vereint im Klüvernetz aus, friedlich, ohne Kämpfe. Rita und Sabine sonnen sich in der Aufmerksamkeit der Jungen. Benno und Maria zieht es plötzlich wie mit Magneten zueinander hin. Seemannsknoten und schlechte Laune sind vergessen: Kichernd hocken die beiden über einem »Bravo«-Heft, in einen eigenen Sprachcode vertieft.
Am Ende dieser Reise sind Maria und Benno ein Paar. Haben Sven und Martin über dem gemeinsamen »Honigschleudern« — dem Leerpumpen des Fäkalientanks — ihre Vorbehalte vergessen, hat der kleine Knut freiwillig für alle Brötchen gebacken. Und Thomas hat dreimal seine Wette verloren, daß der Mast der »Fortuna« von dieser — nein von der, aber von der bestimmt — Brücke geknickt werden würde. Er lacht immer noch darüber.
Auch beim Wiedersehen acht Wochen später ist die Begeisterung über den Törn nicht verklungen. Die Kids stürzen beim Nachbereitungstreffen aufeinander zu und entern die »Fortuna« aufs Neue. Nur Maria und Benno finden nicht mehr dieselbe Umlaufbahn. »Meine Klassenkameraden sagen, der Benno ist doof« windet sich Maria ein bißchen, »aber ich finde das eigentlich nicht.« Benno ficht das alles nicht an. Er hat zu seinen Knoten zurückgefunden.
