Eine Fahrt: Nicht nur Segeln...
»Anker fällt!« — Ein kurzes Hornsignal tönt über die weitläufige Bucht und hallt von den weißen Kreideklippen am Steilufer zurück. Die Frau an der Winde kurbelt die Bremse auf und mit Getöse rauscht der Anker aus. Es ist später Nachmittag und ein Segeltag ist zu Ende.
Doch für unsere nimmermüde Gruppe klingt der Tag noch lang nicht aus. Schon zehn Minuten nachdem das Deck aufgeklart ist, springen die ersten ins Meer. Das klare Ostseewasser hat angenehme zwanzig Grad und was gibt es Schöneres als vom Schiff aus zu Baden? Einfach ein kurzer Sprung über die Reling, für die Mutigsten sogar von der Spitze des Klüverbaums.
Nach ausgiebigem Badespaß wieder aus dem Wasser, spülen sich alle an der Deckspumpe auf dem Vorschiff das Salzwasser vom Leib und schlüpfen in frische Klamotten. Eine provisorische »Wäscheleine« wird vom Fockstag zum Großmast gespannt und die nassen Handtücher zum Trocknen aufgehängt. Dann cremen sich einige Sonnenhungrige ein und legen sich faul mit einem Buch auf’s Deck.
Währenddessen haben einige eher Wasserscheue sich in der Kombüse nützlich gemacht und Salate, Fisch, Kartoffeln und Würstchen für das geplante Grillen am Lagerfeuer vorbereitet. Wieder andere, die heute seglerisch noch nicht auf ihre Kosten gekommen sind, haben zu fünft das Beiboot ausgesetzt und den kleinen Mast gestellt. Gerade sind sie dabei, das Segel anzuschlagen, um noch einige Runden in der verhältnismäßig ruhigen Bucht zu drehen.
Die Verhältnisse dafür sind optimal, es geht zwar noch genug Wind, durch den Landschutz steht aber kein Seegang in der Bucht. Da das Beiboot wenig Tiefgang hat, können damit auch flachere Uferzonen erkundet werden. Als sie aufbrechen, versprechen die Fünf, sich nach einem geeigneten Grillplatz umzusehen.
Als die Kombüse schließlich »Alles klar zum Grillen« meldet, kommt allmählich Bewegung in die Gruppe. Jeder packt noch schnell seine Taschenlampe und ein paar warme Sachen ein, am Strand kann es im Laufe des Abends kühl werden. Jetzt fehlt nur noch das Beiboot, wo bleiben die denn? Eigentlich sollten die doch schon längst wieder hier sein!
Ach, dort drüben kommen Sie — aber warum sind denn nur zwei im Boot? Das klärt sich schnell auf, als das Boot vollends heran ist. Die anderen sind schon am Strand geblieben, sammeln Holz und machen Feuer. Also wird schnell die erste Gruppe ausgebootet und an Land gerudert — mit Gepäck und sieben Mann im Boot bleibt zum Segeln nicht mehr viel Platz.
Als schließlich auch die letzten von Bord gehen, bemerken wir im letzten Moment, daß noch niemand die Liederbücher und Gitarren eingepackt hat. Also schnell nochmal umgedreht und eine Kiste mit »Musikutensilien« hergerichtet.
An Land brennt mittlerweile ein Lagerfeuer. Die Jungs haben sich offensichtlich richtig Mühe gegeben und sogar einen richtigen Steinring ums Feuer gelegt. Genug Holz scheint auch vorhanden zu sein, na dann kann’s ja losgehen!
Eine Stunde später sitzen alle mit ihrem Teller einträchtig schweigend und mampfend ums Feuer. Für jeden Geschmack ist etwas geboten, Steak- und Würstchenliebhaber kommen ebenso auf ihre Kosten wie Vegetarier oder diejenigen, die sich mit frischem Stockbrot zufrieden geben. Einzig ein kleines Problem haben alle: Mit dem Sand muß man höllisch aufpassen, sonst landet er ziemlich schnell überall im Essen.
Als die Sonne schließlich langsam am Horizont im Wasser versinkt, sind alle satt und genießen den Anblick der Silhouette FORTUNAs auf dem Wasser. Es wird immer dunkler und schließlich ist das Schiff bis auf den Schein der Ankerlaterne kaum noch zu erkennen. Erst wenn in zwei Stunden der Mond aufgeht, wird man dort draußen wieder etwas erkennen können. Allmählich wird es auch merklich kühler und viele rücken etwas näher ans wärmende Feuer.
Der Schipper legt noch einmal Holz nach, greift dann hinter sich und holt die Gitarre aus ihrer Hülle. Ein Gruppenmitglied schnappt sich die zweite und bald klingen bekannte aber auch für viele neue Melodien übers Wasser. Als die beiden anfangen zu improvisieren, fallen mehrere andere ein und geben den Rhythmus auf den mitgebrachten, bordeigenen Schlaginstrumenten.
Es ist spät geworden und den ersten beginnen die Augen zuzufallen. Das Feuer ist weit heruntergebrannt und wir stehen auf, um unsere halb im Sand vergrabenen Decken auszuschütteln und zusammenzulegen. Dabei tauchen auch noch einige verschüttete Gabeln wieder auf, die in die Schmutzgeschirrkiste wandern.
Ein paar ganz Harte beschließen, am Strand zu übernachten. Ihre Schlafsäcke haben sie vorsorglich mitgebracht. Wenn es noch weiter abkühlt, wird in den frühen Morgenstunden Tau fallen und ihre Decken werden feucht werden. »Macht nicht’s« beschließen diese Unverzagten. Uns soll’s recht sein, so haben wir schon die Kandidaten gefunden, die am nächsten Morgen nochmal den Sand nach vergessenem Geschirr oder Müll absuchen können.
Auf der Rückfahrt sind wir zu bequem zum Rudern, also klappen wir den Außenborder herunter und tuckern zum Schiff hinaus, daß im silbernen Mondlicht jetzt wieder gut sichtbar ist. Es war ein langer und schöner Tag, aber jetzt noch eine letzte Tasse Tee und dann werden wir alle bis auf die Ankerwache todmüde ins Bett fallen...
